Schweizer Bildung

Der Berg als Klassenzimmer

Autor
Claude Hervé-Bazin
Urheberrechte ©
Le Régent | Les Roches | Verbier International School
Veröffentlichung
Januar 2026

Muss man für eine gute Ausbildung in die Berge? Lernt man besser, wenn man studiert und dazu Ski fährt? Seit Ende des 19. Jahrhunderts haben sich in den Alpen immer mehr Elite-Privatschulen nach dem britischem Vorbild der Boarding Schools etabliert. Was macht sie so erfolgreich?

Die Ursprünge der renommierten Privatschulen in den Alpen scheinen auf die 1820er-Jahre zurückzugehen. Damals eröffnete der Schriftsteller und Pädagoge Rodolphe Töpffer ein Knabenpensionat in Genf. Für seine mehrheitlich ausländischen Schüler organisierte er nach den Ideen von Jean-Jacques Rousseau Schulausflüge in den Berge. Ein gutes halbes Jahrhundert später, im Jahr 1880, wurde in Rolle (VD) das Institut Le Rosey gegründet, das zum Massstab der Eliteinternate werden sollte. Alles an diesem Luxusinternat vermittelt Prestige: das Hauptgebäude (ein mittelalterliches Schloss!), die nach strengen Kriterien ausgewählte Schülerschaft, der zweisprachige Unterricht und Sport als lern- und motivationsförderndes Mittel.

1915, in den Wirren des Ersten Weltkriegs, zog es Le Rosey erstmals im Winter nach Gstaad. Aus dem Versuch wurde eine Gewohnheit und schliesslich eine Tradition. Sie trug wesentlich dazu bei, dass sich das Chaletdorf zu einer Destination von Weltruf entwickelte. Warum aber dieser Ortswechsel? Vor allem wegen der pädagogischen Dimension der Berge. Skifahren, Schlittschuhlaufen und Bergsteigen stärken den Charakter, schaffen Disziplin und fördern Ausdauer, Belastbarkeit und Teamgeist. Und sie tragen zu mehr Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und Reife bei. Neben diesen positiven Effekten auf Persönlichkeitsebene entstehen Beziehungsnetze zwischen den Lernenden, die weit über die Schulzeit hinaus andauern.

Das Beste aus sich herausholen

Das 1910 in Gstaad gegründete Collège Alpin International Beau Soleil hatte seinen Sitz bereits 1917 ins sonnige Villars-sur-Ollon auf 1300 Metern Höhe verlegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden dort innerhalb von nur drei Jahren gleich drei weitere Schulen, die bis heute bestehen: 1947 die Garenne International School, 1948 die Préfleuri International Alpine School und 1949 das Collège Aiglon in Chesières.

Wie ihr britisches Vorbild setzen auch sie auf akademische Exzellenz, kleine Klassen und individuelle Förderung, meist schon im frühen Kindesalter. Eine wichtige Rolle spielten auch die Grundsätze der Montessori-Schulen und die ganzheitliche, stark auf Kunst und Handarbeit ausgerichtete Walddorfpädagogik des Österreichers Rudolf Steiner. Anfangs befanden sich die meisten Schweizer Elite-Internate im Besitz reicher Briten und Franzosen und wurden daher auch hauptsächlich von den Kindern ihrer Landsleute besucht. Bald aber kamen Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt hinzu, was nicht nur der Sozialisierung, sondern auch dem Spracherwerb und dem späteren Vitamin B der Absolventinnen und Absolventen zugutekommt.

Mit der Zeit verschob sich der Fokus. Im Zuge der Globalisierung ging es mehr und mehr darum, die Lernenden auf internationale Abschlüsse, Mobilität und internationale Anpassungsfähigkeit vorzubereiten. Als dezidierte Gegenströmung zu demagogischen Bewegungen wurden humanistische Werte und der Gedanke des Multilateralismus ins Zentrum gerückt. Entsprechend gross ist das Angebot an Ausbildungen und Abschlüssen. Es reicht von zweisprachigen bis zu vollständig englischsprachigen Lehrgängen mit französischem Baccalauréat, britischem A-Level, Schweizer Maturität oder International Baccalaureate.

Dynamische Ausbildung

Die hiesige Sicherheit und Lebensqualität veranlassen immer mehr wohlhabende ausländische Familien, sich in der Schweiz – und besonders im Wallis – niederzulassen. Für die Privatschulen natürlich ein Glücksfall. Aufbauend auf der neuen Dynamik entstand 2011 die Verbier International School. Sie hat den Anspruch, im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes eine breit gefächerte «Bildung über den Lehrplan hinaus» zu bieten und ihre Zöglinge zu scharfsinnigen, offenen, kreativen und integren Weltbürgerinnen und -bürgern zu erziehen. Auf dem Programm stehen Debatten, Theater-, Kunst und Kochkurse, kulturelle Ausflüge, Wanderungen und viel Sport. Besonders beliebt sind die Ski Race Academy und die Freeride Academy, in denen Nachwuchstalente professionell gefördert werden. Inspiriert durch den Erfolg dieser Sportförderprogramme entstand im Jahr 2020 die Copperfield International School, auch sie in Verbier. Im Sommer 2025 wurden die beiden Schulen unter der Federführung von Duke’s Education zusammengelegt, gleichzeitig wurde der neue Campus Trois Cimes mit angrenzendem Sportzentrum eingeweiht.

Auf der anderen Seite des Tals, in Crans-Montana, verfolgt die 2015 gegründete Régent International School eine ähnliche Philosophie. Leitgedanke ist die Zauberformel h³: Lernen durch Kopf (Head), Herz (Heart) und Praxis (Hand). Unterrichtet wird auf Englisch, Französisch ist Pflichtfach. Das Konzept beruht auf praxisnahem Lernen, Learning-by-doing sozusagen, ganz gleich, ob es sich um Musik oder Yoga, Debattieren oder Rhetorik, Robotik, Mountainbiking, Hockey oder Orientierungsläufe handelt. Durch Experimentieren sollen die Kinder und Jugendlichen ihre Persönlichkeit entfalten, ihr Potenzial ausschöpfen und Fähigkeiten sowie Sozialkompetenzen aufbauen, die ein Leben lang Bestand haben. Es sollen aufgeklärte, verantwortungsbewusste und anpackende Führungspersönlichkeiten heranreifen, die sich ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung bewusst sind und die Welt aktiv mitgestalten wollen. Eine grosse Aufgabe, getragen von ebenso grossen Ambitionen.