New-Age-Nomaden
Auf 1600 Metern Höhe zurück zu sich selbst
Die Zeiten, in denen Bergnomaden zwischen zwei Videokonferenzen noch schnell einen Tiefschneehang abfuhren, scheinen vorbei. Heute versucht man Stress weniger durch Adrenalin als durch Ausgeglichenheit abzubauen. Dabei helfen Yoga und Meditation.
Einige Hotels haben diesen Gesinnungswandel früh erkannt, das Cervo in Zermatt sogar vor allen anderen. Im Rahmen seines ganzheitlichen Ansatzes entwickelte es ein Eisbad-Erlebnis, das Atemtechniken mit dem russischen Banja-Ritual verbindet. Dabei wird der Körper bei Temperaturen von bis zu 80 °C mit Birkenzweigen massiert, um die Durchblutung anzuregen. «Die wohltuende Wirkung des Eisbads beschränkt sich nicht aufs Körperliche. Man lernt, sich unter Stressbedingungen zu entspannen und die äusseren Umstände mit anderen Augen zu sehen», erklärt der Zermatter Coach Sven Chanton, der von 2023 bis 2025 für bestimmte Behandlungen im Ātman Mountain Spa des Cervo zuständig war.
Chanton entdeckte das sogenannte Breathwork auf Bali, wo er sich nach einer Meniskusverletzung erholte. Dort gelang es ihm, sich von unbewussten Traumas zu befreien und Techniken zu entwickeln, um psychosomatische Blockaden zu lösen.
Heute nehmen vor allem Sportlerinnen und Sportler seine Dienste in Anspruch, zunehmend aber auch private Retreats und immer mehr digitale Nomaden. «Die Freiheit, die sie sich von ihrem Lebensstil versprechen, ist ein zweischneidiges Schwert, denn sie bringt eine enorme mentale Belastung mit sich», sagt Chanton. «Durch die Sitzungen schaffen sich die Nomaden den spirituellen und physischen Raum, der ihnen im Alltag fehlt.» Dann entfaltet die Stille der Berge ihre heilende Wirkung, die Alpen werden zu einem gemeinschaftlichen Rückzugsort, in dem digitale Nomaden ihren Stress nicht mehr isoliert von der Aussenwelt ertragen müssen.
Zen-Festivals und Luxus-Retreats
Aus dem wachsenden Bewusstsein für die Kraft der Berge sind mehrere Festivals für ganzheitliches Wohlbefinden entstanden. Eines davon sind die vierteljährlichen Flow Weeks des Schloss Zermatt. Sie stehen vom 1. bis 6. März 2026 erneut im Zeichen von Natur und mentaler Erholung. Auf geführten Wanderungen, bei denen Heilkräuter und stresslindernde Pflanzen gesammelt werden, beim Zeichnen in den Bergen, beim Ecstatic Dance und beim altbewährten Yoga sollen die Teilnehmenden zu sich finden. Spätestens beim Abendessen im Austausch mit Gleichgesinnten, mit Blick auf die atemberaubende Berglandschaft, sind die Chakren wieder im Gleichgewicht.
In Verbier liegt bewusstes Coliving ebenfalls im Trend. Das Snomad Fest in Liddes, das vom 7. bis 17. Dezember 2025 zum zweiten Mal stattfindet, verbindet Skispass mit Konferenzen und Debatten zu den Herausforderungen der Remote-Arbeit. Es bietet den Digital Nomads Gelegenheit, sich zu vernetzen und hat sich zum Ziel gesetzt, sich international als (ent)spannender Networking-Anlass zu etablieren.
Die Gruppe Inspire Verbier veranstaltet in Zusammenarbeit mit mehreren Luxushotels Micro-Retreat-Wochenenden. Im renommierten Chalet d’Adrien (Relais & Châteaux) umfassen die drei- bis fünftägigen Ski- und Yoga-Retreats Spa-Behandlungen und vegetarische Gourmetmenüs von Sternekoch Sebastiano Lombardi. Seine kunstvoll arrangierten Gerichte laden ein, innezuhalten, um Körper und Seele etwas Gutes zu tun.
Das Six Senses in Crans-Montana verspricht das ganze Jahr über höchst kreative Programme. Eine herbstliche Yoga-Session am Weltfriedenstag oder ein Sound-Healing-Workshop zu nepalesischen Gongklängen auf dem Sun Deck zum Frühlingsauftakt sollen helfen, die innere Balance wiederzufinden. Im Juni empfängt das Hotel zudem das Alma
Frequency Festival, das Themen wie Wellbeing, Langlebigkeit und Achtsamkeit in den Mittelpunkt stellt. Dieses grosse Wellness-Retreat zieht renommierte digitale Nomaden an, die ihr Verhältnis zwischen Produktivität und Selbstverwirklichung neu austarieren und sich mit Fachleuten für Persönlichkeitsentwicklung austauschen möchten. Darüber hinaus bietet das Six Senses ganzjährig Premium-Wellnessprogramme an. Es versteht sich als Refugium für Remote Worker, die Luxus und Gesundheit verbinden und in den hauseigenen Coworking-Spaces ihrer Arbeit nachgehen möchten.
Neue Horizonte für mehr Gelassenheit
Der Trend zur Workation breitet sich in der Schweiz zusehends aus. Gemäss einer FlexWork-Studie stellen immer mehr Arbeitnehmende die Forderung, eine Zeitlang mobil arbeiten zu können. Für 15 Prozent ist ein fixer Homeoffice-Anteil sogar ein Muss-Kriterium bei der Jobsuche. Vielleicht hat die von Freelancern vorgelebte Freiheit Träume geweckt?
Doch nicht alles, was glänzt, ist Gold. Die Freiheit kann auch trügerisch sein, warnt Chanton: «Keine festen Arbeitszeiten zu haben, bedeutet oft, immer verfügbar zu sein. Genau aus dieser Spirale auszubrechen, komplett abzuschalten und neue Energie zu schöpfen, ist das Ziel unserer Programme.» Denn auch digitale Nomaden kennen Erschöpfung. Sie haben zwar mutig das Tor zur Freiheit aufgestossen, müssen nun aber lernen, richtig damit umzugehen und ihre innere Ruhe zu finden. Die Berge werden so zum Raum der Besinnung, zu einer wohltuenden Kapsel fern vom Leistungsdenken, nach der sich letztlich alle sehnen.