Giganten der Schweizer Alpen

Staudämme zwischen Kulturerbe und Energiezukunft

Autor
Aurélie Michielin
Urheberrechte ©
Grande Dixence SA | Valais-Wallis Promotion — Alban Mathieu — Giovanni Castell | Alpiq | Oiken
Veröffentlichung
Januar 2026

Die Schweiz steht für Schokolade, Uhren und Banken — aber nicht nur! Wenige wissen, dass unser Land die weltweit höchste Dichte an Staudämmen aufweist. Laufwasser- und Speicherkraftwerke prägen seit Jahrzehnten das Landschaftsbild und die Energieversorgung der Schweiz.

Ihre grosse Zeit erlebte die Wasserkraft Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Schweiz visionär und mutig eine beispiellose Modernisierung in Angriff nahm. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlangten der steigende Energiebedarf und die fortschreitende Elektrifizierung nach neuen Produktionsmethoden. Dank ihrer einzigartigen Topografie und der vielen Gletscher nahm die Schweiz innerhalb von nur zwei Jahrzehnten rund hundert grosse Stauwerke in Betrieb, vor allem im Wallis, der Gletscherstube Europas.

Ansturm auf das blaue Gold
Die bis dahin abgeschiedenen Alpentäler erlebten einen beispiellosen Aufschwung. Auf den Grossbaustellen fanden ganze Heerscharen von Arbeitskräften aus dem In- und Ausland eine Beschäftigung. Am Bau der Emosson-Staumauer, die 1975 fertiggestellt wurde, waren neun von zehn Arbeitern Italiener. Parallel dazu entstanden neue Strassen, Brücken, Seilbahnen und Wohnungen, die den Alpentourismus beflügelten.

Doch diese Blütezeit hatte auch ihre Schattenseiten. Dörfer wurden überflutet, Ökosysteme zerstört und viele Arbeiter bezahlten den Fortschritt mit ihrem Leben. Der tödlichste Unfall ereignete sich 1965 am Mattmark-Staudamm, als eine Gletscherzunge auf die Baracken stürzte und 88 Menschen unter sich begrub.

Innovation made in Switzerland
Heute zählt die Schweiz 222 grosse Staudämme. Sie alle stehen für hohe Ingenieurskunst, Innovationsgeist und nationalen Stolz. Zusammen mit den kleineren Anlagen liefern sie unserem Land nahezu emissionsfreien Strom. Bis Anfang der 1970er-Jahre deckte die Wasserkraft fast 90 Prozent des nationalen Strombedarfs. Zwar sank dieser Anteil mit dem Bau der Kernkraftwerke auf rund 60 Prozent, doch die Wasserkraft bleibt das Rückgrat der Schweizer Stromproduktion. Gemessen an der installierten Leistung liegt die Schweiz europaweit an sechster Stelle.

Von der Planung über die Technik bis zum Betrieb und zur Wartung beherrscht die Schweiz die gesamte Wertschöpfungskette. Ihr Ingenieurswissen ist weltweit gefragt, in China ebenso wie in Norwegen und Südamerika.

Da der Bau von Wasserkraftwerken enorm kostenintensiv ist, beruht er auf einem öffentlichen bzw. halböffentlichen Modell, das von Kantonen, Gemeinden und Energieunternehmen mit mehrheitlich staatlicher Beteiligung getragen wird. Dreh- und Angelpunkt des Systems ist die vom Kanton oder der Gemeinde erteilte Konzession. Sie erlaubt es der Betreibergesellschaft, das Wasser für einen gewissen Zeitraum, meist 80 Jahre, zur Stromerzeugung zu nutzen. Als Gegenleistung entrichtet sie einen Wasserzins. Nach Ablauf der Konzession geht das Kraftwerk an den Konzessionsgeber, also an die öffentliche Hand (sogenannter «Heimfall»).

Ungewisse Zukunft
Mit der 2017 vom Volk angenommenen Energiestrategie 2050 hat sich die Schweiz verpflichtet, schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen und den Ausbau erneuerbarer Energien zu fördern. Um die wachsende Nachfrage zu decken und einen Ersatz für die wegfallende Atomstromproduktion zu finden, trafen sich im Jahr 2020 Kantone, Energieunternehmen und Naturschutzorganisation zum «Runden Tisch Wasserkraft». Sie einigten sich auf 16 Projekte, die «energetisch meistversprechend und ökologisch vertretbar» sind. Hierzu gehören neue Speicherseen, die Erhöhung bestehender Staumauern oder Speicherseen und der Ausbau der Speicherkapazitäten durch Pumpspeicherbetrieb.

Doch die Zukunft der Wasserkraft steht vor neuen Herausforderungen. Geeignete Standorte sind rar geworden, Bewilligungsverfahren dauern lange und die Rentabilität ist in einem Strommarkt mit anhaltend tiefen Preisen ungewiss. Zudem laufen die ersten Konzessionen aus und es müssen neue Betreiber gefunden werden. Doch wer investiert heute noch Hunderte Millionen Franken in einen Staudamm mit unklarem Restwert, der ihm nach Ablauf der Konzession nicht einmal gehört?

Der Klimawandel verschärft die Lage zusätzlich. Viele grosse Stauseen werden vom Schmelzwasser der Gletscher gespeist — eine Ressource, die allmählich versiegt. Laut wissenschaftlichen Prognosen wird bis 2100 die Hälfte der Schweizer Gletscher verschwunden sein. Paradoxerweise gewinnen Staudämme damit an Bedeutung, denn sie helfen, die Abflussmengen zu regulieren, Überschwemmungen zu verhindern und Wasserreserven für Trockenzeiten zu sichern. Ein Paradebeispiel ist der Mehrzweckspeicher Gornerli im Wallis. Das Vorzeigeprojekt des «Runden Tischs Wasserkraft» zeigt exemplarisch, dass sich Energieproduktion, Wassermanagement und Naturschutz nicht ausschliessen müssen.

Auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht
Zwar hat das Schweizer Stimmvolk 2024 das Gesetz zur Stärkung der Stromversorgung mit erneuerbaren Energien mit grosser Mehrheit angenommen, doch bürokratische Hürden und lokaler Widerstand bremsen die Umsetzung. Umwelt- und Landschaftsschutzverbände wehren sich mit starken Argumenten. Ende September 2025 verabschiedete das Parlament deshalb den Beschleunigungserlass für erneuerbare Energien, mit dem die Planungs- und Bewilligungsverfahren für Wasserkraft-, Solar- und Windenergieanlagen von nationalem Interesse vereinfacht werden sollen. Ob diese Massnahmen ausreichen, um den politischen Willen in konkrete Resultate zu verwandeln, bleibt abzuwarten.

Und morgen? Falls das Stromabkommen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union in Kraft tritt, könnten sich neue Perspektiven eröffnen. Doch auch hier gibt es zwei Seiten der Medaille: Einer stärkeren Integration in den europäischen Markt und der intensiveren Nutzung von Pumpspeicherkraftwerken steht ein möglicher Verlust an Handlungsspielraum bei der Bewirtschaftung der Wasserressourcen gegenüber. Ob es der Schweiz gelingt, Energieunabhängigkeit, Naturschutz und ihre Staudämme als Zeugen der Vergangenheit und Hoffnungsträger der Zukunft in Einklang zu bringen, wird sich zeigen.