Sylvia Michel

Sylvia Michel

Autor
Valérie Perren
Fotograf
Sylvia Michel

Diesen Frühling ging die 45-jährige Sylvia Michel mit ihrem Hund Rasta im Mattertal spazieren, filmte eine kurze Sequenz der schönen Berglandschaften und Löwenzahnfelder und stellte das Video unter dem unspektakulären Titel A white dog walking in paradise auf ihren Instagram-Account. Ein paar Monate später war das Video in den sozialen Netzwerken ein Hit. Mittlerweile wurde es mehr als 50 Millionen Mal angeschaut und sogar auf dem Youtube-Kanal von USA Today veröffentlicht.

Sylvia Michel ist nicht nur Instagram-Influencerin, sie ist auch Preisträgerin des grössten Fotowettbewerbs der Welt, der Sony World Photography Awards. Dort gewann sie mit ihrem Nachtbild Erleuchtet den Swiss National Award 2018. Es zeigt eine etwas abseits stehende verschneite Tanne, die in der sternenklaren Winternacht im Licht der Stirnlampe leuchtet. Das Bild vermittle für sie Weihnachtsstimmung, sagt Sylvia Michel, und dafür diesen begehrten Preis zu erhalten sei für sie wie ein kleiner Ritterschlag gewesen. „Ich habe oft an mir gezweifelt, da ich mir das Fotografieren autodidaktisch beigebracht habe. Dass die Jury der World Photography Organisation mein Bild ausgewählt und prämiert hat, zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

 Quereinsteigerin und Tausendsassa
Sylvia Michel war nicht immer professionelle Fotografin. Auf den Geschmack kam sie als Teenagerin. „Mein Lieblingssujet waren Tiere. Natürlich habe ich damals nicht so fotografiert wie jetzt. Ich hatte nur eine kleine Kompaktkamera mit Film und vom Fotografieren recht wenig Ahnung.“ Mit den Jahren nahm ihr Berufsleben zunehmend mehr Platz ein. Sie startete eine Karriere im Gastgewerbe, legte in Pubs und Clubs auf und arbeitete danach 15 Jahre als Moderatorin, Musikchefin und stellvertretende Programmleiterin bei einem Schweizer Radiosender. An den Wochenenden betätigte sie sich als DJ an Hochzeiten und machte Fotos von Blumen und Gästen. Allmählich wurde die Fotografie immer wichtiger, sodass sie sich in ein Studio einmietete und professionelles Foto-Equipment kaufte, um Vollzeit als Hochzeits- und Porträtfotografin zu arbeiten.

 Die Schönheit der Berge
Dass Sylvia ihr fotografisches Portfolio auf Landschaftsbilder erweiterte, verdankt sie einem Hund. „Rasta“ ist auch auf dem viralen Instagram-Video zu sehen. Am Anfang wagte sie sich nicht in die Berge und fokussierte sich eher auf das Flachland. Nach und nach ging es dank Rastas Liebe für Schnee immer höher hinauf. „Wenn ich oben auf einem Berg stehe und ins Tal schaue, dann bin ich einfach glücklich und zufrieden. Ich atme tief durch und geniesse den Moment.“

Beim Wandern in den Bergen entstehen auch die spontanen Bilder, die sie am liebsten mag. „Wenn Nebel oder Wolken aufziehen, musst du schnell reagieren. Wenn dir die Natur diese ungeplante Magie schenkt, musst du bereit sein. In gewissen Momenten war ich sogar zu Tränen gerührt, da mir die Natur ein Schauspiel bot, das nicht von dieser Welt schien.“ Die Fotografin will exklusive Bilder voller Dramatik schiessen, um dem Betrachter die Schönheit der Natur zu zeigen. Bilder, in die man eintaucht und einen Moment verweilt.

 Die Magie der Nacht
Bei ihrem ersten Besuch in Zermatt entdeckte sie durch die Faszination für das Matterhorn die Nachtfotografie. Sie erinnert sich, dass sie mitten in der Nacht aufstand, da sie die Anziehungskraft des Berges nicht mehr losliess. „Ich bin auf dem Balkon rumgestiefelt und habe versucht, das Matterhorn zu fotografieren, hatte jedoch nicht das richtige Objektiv und ich kannte mich mit der Belichtung in der Nacht nicht aus.“

Heute entstehen ihre Nachtaufnahmen nicht mehr so impulsiv. Mit einer Bildidee im Kopf plant sie ihre Position, die Ausrüstung, das passende Wetter und die richtige Jahreszeit. „Bilder von der Milchstrasse entstehen selten spontan, du kannst sie nicht dem Zufall überlassen“, so Sylvia Michel. Von März bis Oktober sei die Milchstrasse am schönsten. „Ausserdem muss Leermond sein, also plane ich Nacht-Shootings immer vor.“

Die Ruhe der Nacht fasziniert sie vor allem an Orten, die tagsüber stark besucht sind. Dabei geht es ihr nicht um Follower und Likes. Sie will den Menschen diese „andere Welt“ zeigen, indem sie die Magie des Ortes einfängt, wenn er einsam und ruhig ist. „Der Stellisee zum Beispiel, der tagsüber von Touristen überrannt wird, ist nachts genauso schön. Leider ist das aber auch die Kehrseite der Fotografie: Mit jedem Bild weckst du bei anderen das Bedürfnis, diesen Moment ebenfalls zu erleben und festzuhalten.“

 www.michelphotography.ch