Matterhorn

Ein Gipfeltraum wird wahr

Text Laurent Grabet / Foto Thomas Crauwels
Erscheinungstermin Winter 2018-2019

Das Matterhorn ist einer der schönsten und berühmtesten Berge unseres Planeten – und einer der tödlichsten. helvet hat sich diesen Sommer unter eine Seilschaft gemischt, die sich aufgemacht hat, die symbolträchtige Felspyramide zu besteigen.

Jeden Sommer zwischen Ende Juni und Ende September brechen 2500 Alpinisten zum Gipfel des Matterhorns auf. Von denen, die den Versuch über die klassische Hörnliroute wagen, erreichen nur 40 Prozent das Ziel. Genau das wollen die 26 Alpinisten, die am 7. Juli 2018 um 3.45 Uhr in der Hörnli­hütte bereitstehen, aber schaffen. Neben Schweizern und Franzosen gehören auch eine Brasilianerin, ein Argentinier, ein Australier und ein junges Paar aus Ungarn zur Seilschaft.

Rund 600 Tote in 153 Jahren
Direkt hinter der Hütte ragt eine imposante Felswand fast senkrecht in die Höhe. Viele haben sie schon am Vorabend studiert und halb zerstreut, halb beschwörend einen Blick auf die Statue der Jungfrau Maria geworfen. Das Matterhorn hat 600 Menschen auf dem Gewissen und ist damit einer der tödlichsten Berge der Welt. Mehrere in den Gneis geschraubte Gedenktafeln erinnern an die Verunglückten. Zum Glück sind die meisten Gipfelstürmer mit einem Bergführer unterwegs. Die anderen mühen sich ab, im undurchsichtigen Labyrinth aus instabilen Felsen ihren Weg zu finden. Das Thermometer zeigt –2 Grad, ein Nebelmeer schottet die Alpinisten vom Rest der Welt ab. Sie bewegen sich im Gänsemarsch vorwärts, während über den Gletschern und den benachbarten Viertausendern allmählich die Sonne aufgeht. Beim Anblick dieses eindrücklichen Naturschauspiels wird uns einmal mehr vor Augen geführt, wie winzig und unbedeutend wir doch sind.

Kein Stau, aber zu viel Schnee
Nur wenige machen sich freiwillig so früh morgens auf den Weg. Zu Staus kommt es nicht, die bilden sich später, wenn bis zu 130 Personen gleichzeitig den Aufstieg in Angriff nehmen. Dennoch kommen wir im hohen Schnee nur mühsam vorwärts und müssen die Steigeisen weiter unten als üblich montieren. Nach 2 Stunden und 45 Minuten erblicken wir, angeseilt, die Solvayhütte. Die 20 Quadratmeter kleine Schutzhütte klebt in 4003 Metern Höhe am Fels. Sie ist eine Art Schiedsrichter: Wenn es die Kunden nicht in drei Stunden hierher schaffen, kehren die Bergführer aus der Region aus Sicherheitsgründen um. Nach einer beschaulichen Pause setzen wir den Aufstieg fort. An den schwierigsten Stellen sind dicke Hanfseile angebracht. Whymper und seinen Seilbrüdern war dieser Luxus bei ihrer Erstbesteigung am 14. Juli 1865 nicht gegönnt. Heute kann man sich stellenweise mithilfe von Metallschrauben im Fels sichern. Dort, wo sie fehlen, führt der Bergführer das Seil um Felsköpfe herum.

Langer, gefährlicher Abstieg
Je höher wir steigen, desto stärker macht sich die Müdigkeit bemerkbar. Wir kommen nur noch langsam vorwärts und ringen nach Atem. Die Beinmuskeln schmerzen. Auf den letzten 150 Metern verlassen wir den Grat und steuern über einen schneebedeckten Hang in der Nordwand direkt den Gipfel an. Wenige Meter vor dem Ziel begrüsst uns die Statue eines gut genährten Bernhardiners. Von einem Felsvorsprung etwas weiter unten ist Géraldine Fasnacht 2014 als erster Mensch mit dem Wingsuit vom Matterhorn gesprungen.
Jetzt dauert es nur noch eine Minute bis zum Gipfel auf 4478 Metern. Hier oben kann man bei klarem Wetter 200 Kilometer weit sehen – ein Erlebnis! Überwältigt und freudenstrahlend wird gratuliert, umarmt und die Kamera für das obligate Erinnerungsfoto gezückt. Alle Gipfelstürmer, die heute Morgen mit mir zusammen aufgebrochen sind, haben es geschafft. Jetzt steht uns noch der fünf- bis sechsstündige Abstieg mit Abseil-Passagen bevor. Erst dann, 1200 Meter weiter unten, haben wir unseren Traum vollendet.

www.zermatt.ch
www.nolimitsexperience.ch

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