Gletscherwelten

Text Claude Hervé-Bazin / Foto David Carlier
Erscheinungstermin Winter 2019-2020

In Zermatt sind Gletscher überall. Sie bahnen sich ihren Weg von den 38 Viertausendern hinab Richtung Tal und umrahmen das Dorf fast vollständig. Auf den Gletschern kann auch im Sommer Ski gefahren werden.

Zermatt ist von 22 Gletschern umgeben. Einige sind klein, andere gross. Der Gornergletscher aber ist ein eisiger Gigant. Von der Sonnenterrasse der Gornergrat-Bergstation, die 3131 Meter über dem Meeresspiegel liegt und mit der roten Gornergratbahn in 33 Minuten erreichbar ist, verliert sich der Blick in den weissen Furchen. Wie zwei weisse Schals – links der Hauptgletscher, rechts der Grenzgletscher – legen sich die Eiszungen um die mächtigen Schultern des Monte-Rosa-Massivs. Wenn das Tal im Nebel versinkt und eine Windböe unverhofft ein Loch in die Decke reisst, wirkt das Naturspektakel gleich noch eindrücklicher.

Mit einer Länge von über 12 Kilometern und einer Breite von bis zu 1,5 Kilometern ist der Gornergletscher der drittlängste und drittgrösste (2010: 53 km2) Gletscher der Schweiz. Vergleichbar mit einem Fluss, der viele kleine Bäche schluckt, vereint er sich mit mehreren Seitengletschern zu einem grossen Strom. Früher mündeten auch der Triftjigletscher und der Untere Theodulgletscher in den Hauptgletscher, mittlerweile hat der Klimawandel die Verbindung aber unterbrochen. Mit einem Verlust von durchschnittlich 30 Metern pro Jahr ist der Gornergletscher in relativ gutem Zustand, obwohl er seit der kleinen Eiszeit um 1860, als die Alp «Im Boden» von vorrückenden Eismassen begraben wurde, fast drei Kilometer eingebüsst hat. Geschrumpft sind auch der Furg- und der Theodulgletscher im Westen.

Zermatt ist dank seiner Höhenlage besser dran als viele Alpendestinationen. Die grössten und mächtigsten Gletscher schlagen sich tapfer. Trotzdem ist ihre Zukunft ungewiss. Die Akademie der Naturwissenschaften Schweiz hat in einer im Oktober 2019 veröffentlichten Studie nachgewiesen, dass die Schweizer Gletscher in nur fünf Jahren 10 Prozent ihres Volumens verloren haben. Bis 2100 sollen zwei Drittel – 90 Prozent gemäss den pessimistischsten Szenarien – der alpinen Eismassen weggeschmolzen sein. Damit wird sich auch das Leben der Menschen in den Gletscherregionen radikal ändern.

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